Friedens- und Begegnungsstätte e.V.

Die Friedens- und Begegnungsstätte Mutlangen e.V. wurde 1984 gegründet.

Man kann sich heute kaum vorstellen, was sich damals in Mutlangen, in dieser kleinen Gemeinde drei Kilometer nördlich der alten Reichsstadt Schwäbisch Gmünd, 50 Kilometer östlich von Stuttgart zuspitzte:

Die ersten Pershing II-Atomraketen waren seit November 1983 im Mutlanger Depot. Um das Lager waren drei Sicherungsanlagen mit Zäunen, Wachttürmen und schwer bewaffneten Soldat_innen. Mindestens eine Hundertschaft Polizei war immer vor Ort. Der Militär- und Polizeiverkehr auf der einzigen Zufahrtsstraße riss auch nachts keine Viertelstunde ab, manche US-Army-Trucks hatten nicht einmal einen Auspuff, so dass der Lärm kilometerweit dröhnte. Gleichzeitig bauten deutsche Baufirmen im Lager für Millionen Dollar die Infrastruktur aus. Immer wieder Militärhubschrauber in der Luft. Das gesamte Lager war nachts taghell beleuchtet, über viele Kilometer unübersehbar wie eine klaffende Wunde in der Landschaft.

Auf der anderen Seite: Seit Stationierungsbeginn protestierten Friedensbewegte ununterbrochen vor dem Atomwaffenlager, manchmal zu dritt, manchmal zu Hunderten. Einige Tausend hatten die Zufahrt gewaltfrei blockiert, über 600 Menschen waren dabei bis Februar 1984 von der Polizei festgenommen, die meisten jedoch mehr oder weniger unsanft auf die Seite gezerrt worden. Vor Manöver-Ausfahrten der Raketen umstellte die Polizei das Pressehüttengelände und nahm alle in Vorbeugegewahrsam. Das Amtsgericht Schwäbisch Gmünd verurteilte festgenommene Blockierer_innen zu Geldstrafen. In Tübingen gründete sich die „Kampagne Ziviler Ungehorsam bis zur Abrüstung“.

Die Stimmung vor Ort war zum Zerreißen angespannt: Die Stationierungsbefürworter_innen waren überzeugt, ohne Pershing II sei die NATO erpressbar, die Sowjetunion könne / wolle sogar West-Deutschland einkassieren. Die Friedensbewegung sah in der Pershing II-Stationierung eine unermessliche Eskalation der Atomkriegsgefahr im Kalten Krieg zwischen Ost und West. Für die US-Soldaten galt ein striktes Sprechverbot gegenüber Demonstrant_innen. Nach Empfinden der Demonstrant_innen war sich die Mutlanger Bevölkerung weitgehend einig: Die Friedensbewegten waren Unruhestifter, Chaoten, ungewaschene, Drogen konsumierende Hippys. Sie sollten verschwinden, damit „wieder Frieden in Mutlangen einkehren“ könne.

Basis für die Friedensbewegung war die so genannte Pressehütte, eine alte Scheune, in der bis vor kurzem Singvögel gezüchtet wurden. Das alteingesessene Mutlanger Ehepaar Österle hatte die Hütte schon im September 1983 für die Prominenten-Blockade zur Verfügung gestellt, um Telefone für die nationale und internationale Presse anschließen zu können (daher der Name „Pressehütte“), Heinrich Böll, Günter Grass, Oskar Lafontaine, Erhard Eppler und Dietmar Schönherr blockierten damals zusammen mit 1000 weiteren Friedensbewegten das bisherige Pershing IA-Lager, um gegen die drohende Pershing II-Stationierung zu demonstrieren. Nach der Stationierung der Pershing II lebte eine bunte Gruppe von Dauerblockierer*innen in Zelten auf dem Pressehüttengelände. Sie wurden von Teilen der Mutlanger Bevölkerung abgelehnt. Sie bekamen aber auch bundesweite und internationale Unterstützung von unzähligen Gruppen der Friedensbewegung.

Ist das eine Situation, um einen Verein zu gründen? Viele waren skeptisch. Aber Lotte Rodi aus Schwäbisch Gmünd, Wolfgang Schlupp-Hauck, der seit der Promiblockade vor Ort geblieben war, und Klaus Vack vom Komitee für Grundrechte und Demokratie dachten strategisch und wollten Strukturen für die Zukunft aufbauen: Zunächst einmal musste die Pressehütte für die Friedensbewegung und die Dauerblockierer_innen gesichert, die Familie Österle aus der „Schusslinie“ gerettet werden. Deshalb sollte das Grundstück gekauft werden, am besten von einem Verein. Gleichzeitig sollte dort eine über den gewaltfreien Widerstand gegen die Stationierung hinausgehende, konstruktive Friedensarbeit aufgebaut werden, ein Seminargebäude sollte entstehen, internationale Versöhnungsarbeit ermöglicht werden. So ist die Friedens- und Begegnungsstätte entstanden. (Satzung)

Die Geschichte(n) der Pressehütte, der „Kampagne Ziviler Ungehorsam bis zur Abrüstung“ und der „Friedens- und Begegnungsstätte Mutlangen e.V.“ füllen Dokumentationen, Fernseh- und Videoproduktionen, Romane. Schließlich geschah, womit kein Mensch auf der Welt gerechnet hatte: Im März 1985 wurde mit Michail Gorbatschow ein Abrüstungsbefürworter*innen zum Generalsekretär der sowjetischen Kommunistischen Partei gewählt, im Dezember 1986 unterzeichnete er zusammen mit US-Präsident Ronald Reagan den INF-Vertrag, der u.a. den Abzug der Pershing II aus Mutlangen bedeutete. Seit November 1990 ist Mutlangen atomwaffenfrei.

Die Arbeit für eine Welt ohne Atomwaffen, für Frieden und Völkerverständigung geht weiter.

Ein Großteil des Pressehüttengrundstücks ist verkauft, mit dem Geld wurde die Hütte selber renoviert, energetisch saniert, zum Seminarhaus umgebaut. Jährliche internationale Workcamps, Seminare, Veranstaltungen wurden von angestellten und ehrenamtlichen Friedensarbeiter_innen organisiert. Inzwischen sind im Erdgeschoss der Hütte die Büroräume der beiden Friedensvereine, oben wohnt eine Afghanische fünfköpfige Familie, im Garten ist ein Teich – und die Tafeln informieren Besucher_innen und Einheimische über den gewaltfreien Widerstand gegen die Pershing II und für eine atomwaffenfreie Welt.

Und wir sind mittlerweile akzeptiert und eingebunden in Mutlangen und Schwäbisch Gmünd. Beide sind zusammen mit 20 umliegenden Gemeinden Mitglied bei den Mayors for Peace, wir führen gemeinsame Aktionen und Veranstaltungen durch. Und je länger die Stationierung zurück liegt, umso mehr Wertschätzung wird uns entgegengebracht, für unser – wie es jetzt heißt – „bürgerschaftliches Engagement“.

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