Pressehütte Mutlangen


 Solidaritätserklärung Selbstverpflichtung
 


Setzling übergeben und auf die Straße gesetzt

Wolfgang Schlupp-Hauck berichtet über die Beteiligung der Pressehütte an der Abschlussblockade von büchel65.

                              

Ich kämpfe mit meiner Angst vor engen, abgeschlossenen Räumen. Der Justizbeamte führt mich deshalb extra in die letzte Zelle
des Gefangentransporters zur fünfsitzigen Rückbank des Buses, die geräumigste, die er anzubieten hat. Vor mir schließt sich die Tür.
Meine Füße kann ich nicht ausstrecken, sie stoßen gleich an die Wand. Der Motor läuft, an der Decke zischt Luft durch die Lüftungsschlitze.
as kleine ovale Fenster gestattet mir einen Blick nach draußen. Dort steht Barbara Rütting zwischen zwei Polizistinnen, die wie ich und
andere zur Abschlussblockade von büchel65 gekommen ist und in Gewahrsam genommen wurde. Wir kennen uns seit der
Prominentenblockade 1983. Sie ist immer wieder nach Mutlangen gekommen und beteiligt sich mit ihren 87 wie selbstverständlich
an den Aktionen in Büchel.

Meine Zahnbürste hole ich aus der Tasche und halte mich an ihr fest. Wer bereit war, in Gewahrsam zu gehen, hatte eine Zahnbürste dabei.
Dies nahm einen Hinweis von Martin Luther King auf, der das Mitführen einer Zahnbürste als Zeichen der Bereitschaft, sich festnehmen zu
lassen, empfahl. Denn Zahnbürsten dürfe man behalten.

Jetzt sehe ich draußen die Bundestagsabgeordnete Inge Höger. Wir kennen uns von den abrüstungspolitischen Gesprächen, zu der wir
von der Pressehütte aus im Bundestag einladen. Ich freue mich, dass sie büchel65 so engagiert unterstützt und zum zivilen Ungehorsam bereit ist.

Schon auf dem Weg zum Tor wird die Gruppe gestoppt

Die Tür öffnet sich, ein weiterer Blockierer wird hineingebracht und mit mir eingeschlossen. Etwas später auch noch sein Bruder.
Am Ende sind 22 Personen in den Bus eingesperrt. Für wie lange, wissen wir nicht. Wir sollen einem Richter vorgeführt werden.

Wir beginnen uns zu erzählen. Aus der Pressehütte sind wir mit drei Autos am 28. Mai in die Eifel gestartet. Unser erstes Ziel war
das Mainzer Rathaus. Dort hing parallel zu büchel65 die Plakate der Ausstellung Hibakushas weltweit. Die Bilder der Opfer von
Atomwaffen und Atomindustrie bestärken uns in unserer Bereitschaft, zivilen Ungehorsam zu leisten. Für das Rahmenprogramm zeigen
wir den Film: „Unser Mut wird langen – nicht nur in Mutlangen“. Er schlägt den Bogen von den Blockaden in den 80er-Jahren zu Büchel.
Wir diskutieren im Anschluss mit den Zuschauern, warum wir von Mainz weiter nach Büchel fahren und uns dort vor den Fliegerhorst der
Bundeswehr setzen werden. Nach einem Mittagessen in der Rathauskantine empfängt uns der Oberbürgermeister. Mainz ist seit 1984
Mitglied bei Mayors for Peace. Wir überreichen Herrn Ebling einen Ginkgo-Setzling. Er stammt aus einem Samen von einem Baum in Hiroshima,
der den Atombombenabwurf überlebt hat. Ich habe den Samen von Hiroshimas Bürgermeister Matsui in Wien bei der UNO erhalten.
Die Erinnerung an den Atombombenabwurf und die Hoffnung auf eine Welt ohne Atomwaffen sollen die Überlebensbäume und ihre Nachkommen
in aller Welt verkünden. Oberbürgermeister Ebling verspricht uns, dass der Baum zunächst im Rathaus stehen wird, wenn er größer wird, kommt
er in einem Kübel vors Rathaus und später wird er in einem Park eingepflanzt. Ein Mainzer DFG-VK Mitglied bittet, dann zur Umpflanzaktion
eingeladen zu werden.   

                                                                                                                                                                                                                                                                                             

Die Tür geht auf - auch der Mainzer Friedensfreund ist nach Büchel gekommen und ist nun der vierte in unserer Zelle.

Am Morgen des 29. Mai hatten sich um 6.15 Uhr über 50 Blockierer auf die verschiedenen Tore des Fliegerhorstes verteilt. Am Haupttor wurde
der Verkehr eingestellt. Einzige Zufahrt war dann nur noch das Luzerather Tor. Die Polizei dort ließ keine Blockade zu, drängte die Leute gleich ab.
Wer sich hinsetzte, bekam einen Platzverweis und wurde beim zweiten oder dritten Blockadeversuch in Gewahrsam genommen.

Durch Klopfen konnten wir auf uns aufmerksam machen, wenn wir auf die Toilette mussten. Begleitet von einem Polizisten duften wir dann zur
Gemeindehalle gehen. Ein andernmal wurde die Tür geöffnet und mein Name aufgerufen. Ich kam nicht zum Richter, sondern Maria war gekommen,
weil sie meinen Autoschlüssel brauchte, um die Friedenstafel für das Mittagessen vor dem Haupttor zu decken. Die Gemüsekiste war noch im Kofferraum.
So durfte ich nochmals kurz nach draußen. Ich sah dabei auch Barbara Rütting wieder. Sie war beim Richter, der ihr sagte, um 13:00 Uhr komme sie frei.
Und tatsächlich: die Tür unserer Zelle öffnete sich pünktlich. Wir konnten dann alle gemeinsam zum Haupttor und an der Friedenstafel teilnehmen.
Für uns Mutlanger begann anschließend der Heimweg. Andere blieben noch und überlegten, ob sie einen weiteren Blockadeversuch unternehmen.

 

Zufrieden kehrte ich zurück. Ich hatte meine Angst überwunden. Im Auto diskutierten wir die Polizeitaktik, die darauf hinausläuft, juristische
Nachspiele zu vermeiden. Der Verkehr am Haupttor wird umgeleitet, Räumungen der Blockade so vermieden. Am Ausweichtor wird soweit
wie möglich das Blockieren verhindert und die Demonstranten gleich in Gewahrsam genommen.

Im Rahmen von büchel65 wurde seit dem 26. März der Fliegerhorst der Bundeswehr immer wieder blockiert. Katja Tempel, Pressesprecherin
der sich vor Ort aufhaltenden Dauergruppe berichtet: „Wir hatten bisher 26 Blockadetage an denen 300 AktivistInnen über 50 mal das Haupttor
oder ein Nebentor blockierten.“ Auf Anfrage der Pressehütte teilte die Polizeidirektion Mayen mit: „Die Polizei hat bisher acht Versammlungen
aufgelöst. Dabei wurden zehn Strafanzeigen wegen Nötigung und des Durchführens nicht angemeldeter Versammlungen (§26(2) VersG) erstattet.
37 Platzverweise wurden ausgesprochen. Drei Personen mussten vorübergehend in Gewahrsam genommen werden.“ Mit der Abschlussblockade
sind noch 22 weitere hinzukommen.

 

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